Procópia dos Santos Rosa

«Ich spreche langsam und schaue mächtigen Personen immer in die Augen.»

Die 1933 geborene Procópia dos Santos Rosa ist Oberhaupt des Quilombo der Calunga. Anfangs waren "Quilombos" Orte, an denen entlaufene Sklaven und Sklavinnen geheime und freie Gemeinschaften gründeten. Procópia kann weder lesen noch schreiben, aber sie weiß alles über die Grammatik des Lebens.

 

Um zu dem Quilombo der Calunga im Hinterland Brasiliens zu gelangen, muss man Flüsse überqueren und sich an Bergkanten entlang balancieren. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit: die Wiederentdeckung einer Subsistenzwirtschaft. Procópia dos Santos Rosa war ihr ganzes Leben lang Hebamme. "Wenn du bei der Geburt eines Kindes hilfst, wächst es auf und nennt dich Mama. Ich gehe vor die Tür und höre: Segne mich, Mutter Procópia." Es ist das Volk der Calunga von Monte Alegre, einer Region im Bundesstaat Goiás. Es sind um die 1.500 Menschen, deren Vorfahren auf der Flucht vor der Gewalt der Sklaverei vor 200 Jahren die Gemeinde aufgebaut hatten. Obwohl ihnen von der Verfassung Rechte wie Landbesitz zuerkannt werden, leiden sie heutzutage unter der Bedrohung einer gewaltsamen Übernahme.
Procópia dos Santos Rosa ist eine geborene Führungsperson. Sie gehört keiner Vereinigung an. Sie kämpft seit Jahrzehnten. Gemeinsam mit einer bereits verstorbenen Freundin pflegte sie ein Kanu zu nehmen und den Fluss auf und ab zu paddeln. Sie gingen in die Büros des Bürgermeisters, des Gouverneurs, eines Ministers oder des Präsidenten. Es gelang ihnen, eine Schule und Lehrkräfte zu bekommen. "Meine Kinder und ich sind Analphabeten; meine Enkel und Enkelinnen aber können lesen und schreiben."
Eine Afrobrasilianerin, die weiß, wie man die Gier kaukasischer Menschen eindämmt: so gelang es ihr, den Bau eines Staudamms auf dem Paraná-Fluss anzuhalten, der das Land der Calunga überflutet hätte. "Sie boten mir ein Haus in der Stadt und ein Stück Land mit Orangenbäumen. Ich sagte zu all dem Nein! Ich wollte auf dem Land meiner Vorfahren und Vorfahrinnen bleiben und dafür kämpfen, so dass meine Urenkel und Urenkelinnen dort bleiben können." Zurzeit kämpft Procópia im Alter von 63 Jahren für ein Gesundheitszentrum.

 

In Brasilien sind um die 800 Gemeinden von den Quilombos übrig geblieben. Als Ergebnis von geographischer Abgeschiedenheit und Rassismus sind diese Gemeinschaften äußerst arm und wurden erst vor kurzem bemerkt.

 

Lateinamerika und die Karibik | Brasilien
Kapitel: Minderheiten und indigene Völker